MUSEUM DES MONATS | MÄRZ 2026

Vom Kulturministerium ausgezeichnet: Museum Heylshof Worms

Die Nibelungen-Festspiele oder Luthers Auftritt auf dem Wormser Reichstag – wer hat nicht schon davon gehört? Weniger bekannt ist dagegen das Museum Heylshof, das an diesem geschichtsträchtigen Ort liegt. Hier, im Schatten des Doms, hat sich seit über hundert Jahren die Kunstsammlung der Familie von Heyl zu Herrnsheim nahezu unverändert an ihrem ursprünglichen Ort erhalten – eingebettet in einen idyllischen Park, in dem alljährlich der rote Teppich für die prominenten Gäste der Festspielpremiere ausgerollt wird.

Von Anfang an als „Kunsthaus“ konzipiert, zählt das Museum seit 1926 zu den wichtigsten Kulturadressen der Region. Die Sammlung umfasst Kunst und Kultur aus fünf Jahrhunderten – von Malerei und Grafik bis zu Möbeln, Glasmalerei, Porzellan und kunsthandwerklichen Objekten. Als kulturelles Gedächtnis der Stadt verbindet der Heylshof heute historische Bestände mit zeitgenössischen Perspektiven. Sonderausstellungen, Konzerte und Veranstaltungen machen das Haus zu einem lebendigen Ort des Austauschs. 2026 feiert das Museum sein 100-jähriges Jubiläum mit einem umfangreichen Festprogramm.

Barocke Bildwelten und bürgerliche Kostbarkeiten

Kunst aus fünf Jahrhunderten

Im Museum Heylshof begegnet man der großbürgerlichen Sammellust um 1900. „Gesammelt wurde, was gefällt“ – und was dem universalen Anspruch jener Zeit entsprach. So entstand ein Panorama aus Kunst und Kunsthandwerk, das fünf Jahrhunderte umfasst: vom Mittelalter bis ins 19. und frühe 20. Jahrhundert. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt in der holländischen und flämischen Malerei des 17. Jahrhunderts, dem „Goldenen Zeitalter“. Genremalerei, Stillleben, Landschaften und Interieurs prägen diesen Kernbestand, darunter Werke von Gerard Terborch, Jan Miense Molenaer, Jacob van Ruisdael, Aert van der Neer, Willem Claeszoon Heda und Jan Weenix. Ergänzt wird dies durch herausragende flämische Bildkunst von Peter Paul Rubens und Anthonis van Dyck.

Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts, insbesondere die Düsseldorfer Malschule, setzt thematische Akzente, die an die holländische Barockmalerei anknüpfen. Dazu treten bedeutende Bestände an Glasgemälden des 15. und 16. Jahrhunderts, italienischen Kleinbronzen, Möbeln, Keramik, Gläsern und Goldschmiedearbeiten sowie eine herausragende Porzellansammlung mit Stücken der Frankenthaler Manufaktur. Die Sammlung von deutschem Steinzeug gilt als eine der bedeutendsten überhaupt, die sich noch im privaten Kontext erhalten hat.

Die treibende Kraft hinter der Kunst

Sophie von Heyl

Die Stifter begegnen den Besucherinnen und Besuchern gleich im Entrée: Links blickt Cornelius von Heyl (1843–1923) in selbstbewusster Haltung aus seinem reich verzierten Goldrahmen. Rechts richtet Sophie von Heyl (geb. Stein, 1847–1915) ihren klaren, offenen Blick auf die Eintretenden – in cremefarbenem Gesellschaftskleid, mit Perlenschmuck und Federfächer, nahezu lebensgroß.

Sophie war die treibende Kraft hinter der Sammlung. Als Kölner Bankierstochter in einem kunstaffinen Umfeld aufgewachsen, brachte sie nach ihrer Heirat mit Cornelius im Jahre 1867 nicht nur altdeutsche und altniederländische Gemälde und Skulpturen nach Worms, sondern auch die Liebe zur Kunst. Diese frühen Stücke aus ihrem Elternhaus bilden bis heute das Herz des Museums.

Auf ihre Initiative hin begann das Ehepaar außerdem früh mit dem gezielten Ausbau einer eigenen Sammlung – begleitet von der Expertise Wilhelm von Bodes, einem der entscheidenden Gestalter des modernen Museumswesens. Neben ihrer Leidenschaft für Kunst engagierte sich Sophie auch zeitlebens karitativ und verfolgte mit großem Interesse das politische Zeitgeschehen. Das Paar hatte sieben Kinder. Sophie starb 1915 während eines Aufenthalts in der Kur- und Bäderstadt Bad Ems.

Ihr Tod bedeutete einen tiefen Einschnitt im Leben ihres Mannes. Fünf Jahre später überführte Cornelius Wilhelm den gemeinsam geschaffenen Besitz und die gesamte Kunstsammlung testamentarisch in die Stiftung „Kunsthaus Heylshof“, die 1926 ihre Türen für die Öffentlichkeit öffnete.

„Die modernen Medici von Worms“

Familie von Heyl zu Herrnsheim

Anders als ihr Name vermuten lässt, entstammte die Familie von Heyl zu Herrnsheim nicht dem Hochadel. Ihre Geschichte beginnt bescheiden: aus einer seit dem frühen 18. Jahrhundert in Worms ansässigen Schiffbauerfamilie entwickelte sie sich binnen weniger Generationen zu einer der prägenden Unternehmerdynastien der Region. Als gerade 19-Jähriger übernahm Cornelius Wilhelm von Heyl die von seinem Großvater gegründete Lacklederfabrikation – und formte sie zu dem Industriebetrieb, der das wirtschaftliche Rückgrat der Stadt werden sollte.

Mit wachsendem Wohlstand entfaltete sich ein zunehmend selbstbewusstes bürgerliches Repräsentationsmodell. Die Familie erwarb Stadthäuser, landwirtschaftliche Güter, das Schloss Herrnsheim und später eine Sommerresidenz in der Schweiz. Der repräsentative Heylshof im Herzen der Stadt wurde zu einem Wohn-, Gesellschafts- und Kunsthaus, in dem Künstler, Persönlichkeiten und politische Gäste verkehrten – ein Ort, an dem sich wirtschaftlicher Erfolg und kultureller Anspruch sichtbar verbanden.

Parallel dazu etablierte die Familie in den Lederwerken ein weit verzweigtes Netz sozialer Einrichtungen: Werkswohnungen, Krankenkasse, Entbindungsanstalt, Stipendienstiftung. Auch in der Stadt prägte ihr Engagement das öffentliche Leben – Denkmäler, Plätze, Bildungsinitiativen und die Unterstützung des Archivwesens spiegeln eine Mischung aus Wohltätigkeit, bürgerlichem Pflichtgefühl und nicht zuletzt sozialer Kontrolle.

Die enge Beziehung zu Großherzog Ludwig IV. von Hessen und bei Rhein führte 1886 zur Erhebung in den erblichen Freiherrenstand. Zeitgenossen sprachen von Cornelius Wilhelm als „ungekröntem König von Worms“ oder „Lederkönig“ – Zuschreibungen, die wirtschaftliche Macht und gesellschaftliche Präsenz auf den Punkt bringen. Ihr kulturelles und soziales Mäzenatentum, gekrönt mit der Stiftung des Heylshofs als öffentliches Kunsthaus, brachte der Familie den Vergleich der „modernen Medici von Worms“ ein.

Ein Haus, eine Sammlung, ein Jahrhundert

Der Heylshof

Der 1884 vollendete Heylshof entstand an herausgehobener Stelle im fürstbischöflichen Garten nahe dem Wormser Dom. Mit dem Schweizer Architekten Alfred Bluntschli wurde ein Vertreter des Historismus gewonnen, der die Formenwelt von Renaissance und Barock souverän beherrschte. Bluntschli war Erbauer von zahlreichen Prachtbauten und Schlössern. Die Innenräume entwarf der führende Innendekorateur seiner Zeit, Lorenz Gedon, dessen Rokoko-Interieurs dem Haus seinen kunstvollen Charakter verliehen.

Doch der Heylshof war weit mehr als ein repräsentatives Wohnhaus. Er wurde zum architektonischen Rahmen einer Sammlung, die künstlerische Leidenschaft und gesellschaftlichen Anspruch gleichermaßen sichtbar machte. Saisonweise lebte die Familie hier – umgeben von Gemälden, Skulpturen und kostbarem Kunsthandwerk, das den Alltag prägte. Der Park mit seinen Parterrebeeten, Skulpturen, einer Grotte und Wasserspielen bildete die Bühne für dieses Zusammenspiel von Kunst und Architektur und ist zugleich ein historischer Erinnerungsort: Hier wird an Luthers Auftritt auf dem Reichstag zu Worms 1521 erinnert.

1926 öffnete der Heylshof erstmals als Museum seine Türen. Das einst märchenhafte Ensemble wurde im Frühjahr 1945 bei einem Luftangriff weitgehend zerstört; die gesamte Innenausstattung ging verloren. Der Wiederaufbau erfolgte in vereinfachter Form, doch die Sammlungen blieben nahezu vollständig erhalten. Seit dem 19. Mai 1961 ist der Heylshof wieder für Kunstinteressierte zugänglich – als Haus, dessen Geschichte noch heute in seinen Räumen spürbar ist.

100 Jahre Museum Heylshof

Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Der Heylshof versteht sich seit seiner Öffnung im Jahr 1926 nicht nur als Ausstellungsraum, sondern als kulturelles Gedächtnis der Stadt Worms – ein Ort, an dem historische Sammlung und zeitgenössische Perspektiven miteinander ins Gespräch treten. Wechselnde Sonder- und Kabinettausstellungen führen diesen Dialog fort und öffnen den Blick auf aktuelle künstlerische Positionen – mal im Spannungsfeld, mal im Echo der traditionsreichen Räume. Konzerte und Veranstaltungen machen das Haus zudem zu einem lebendigen Ort des Austauschs.

Zum 100. Geburtstag rückt das Museum diese Verbindung von Geschichte und Gegenwart besonders ins Zentrum. Geplant sind eine große Jubiläumsausstellung (04.07.–04.10.26), eine Vortragsreihe – mit einem Beitrag zu jedem Jahrzehnt des Hauses – sowie eine künstlerische Gratulation unter dem Titel „Happy Birthday, Heylshof“. Das Jubiläum soll nicht nur gefeiert, sondern genutzt werden, um die Geschichte des Heylshofs und seiner Sammlungen neu zu beleuchten – als Moment der Rückschau auf eine wechselvolle Geschichte und zugleich als Fortschreibung eines außergewöhnlich authentischen Kulturortes ins nächste Jahrhundert.

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Museum Heylshof Worms
Stephansgasse 9
67547 Worms
Telefon: 06241 220 00
Zur Website


Öffnungszeiten (März bis Dezember):
Dienstag bis Samstag: 14–17 Uhr
Sonntag und feiertags: 11–17 Uhr

Eintritt: 
Erwachsene: 6,00 € | Ermäßigt: 4,00 €
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre erhalten freien Eintritt. 
Jeden 1. Sonntag im Monat ist der Eintritt für alle kostenlos!

Barrierefreiheit: 
Das Museum ist leider nicht barrierefrei. Parkmöglichkeiten befinden sich im Wormser Stadtgebiet.

HINTERGRUNDINFORMATIONEN

Was ist die Auszeichnung „Museum des Monats“?

Die Auszeichnung „Museum des Monats“ ist mit 1.000 Euro dotiert und wird seit August 2022 vom Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration Rheinland-Pfalz ausgelobt. Sie hat zum Ziel, die Museumsarbeit vor allem kleiner und mittelgroßer Museen landesweit in den Fokus rücken. Ausgezeichnet werden Museen, die sich mit gelungenen Ausstellungsprojekten zur Orts-, Regional- oder Landesgeschichte, mit innovativen Vermittlungsideen, interessanten digitalen Angeboten, erfolgreichen Partizipationsprojekten, gelungenen Maßnahmen zur Umsetzung der Barrierefreiheit, außergewöhnlichem gesellschaftlichem Engagement, beispielhaften Projekten zum Sammlungserhalt oder zur Sammlungserschließung oder bemerkenswerten Projekten generationenübergreifenden bürgerschaftlichen Engagements hervortun. Unterstützt wird das Kulturministerium bei der Auswahl der Auszeichnungen vom Museumsverband Rheinland-Pfalz. Alle ausgezeichneten Museen im Überblick gibt es auf der Webseite des Museumsverbands Rheinland-Pfalz:


Museumsverband Rheinland-Pfalz | Museum des Monats