
Baumholder ist eine Kleinstadt, deren Geschichte exemplarisch für die Umbrüche des 20. Jahrhunderts steht. Im Regionalmuseum „Goldener Engel“ lässt sich diese Geschichte Raum für Raum entdecken: Die Ausstellung spannt dabei den Bogen von den Anfängen der Besiedelung über die Errichtung eines Truppenübungsplatzes während der NS-Zeit mit Zwangsarbeit und Kriegsgefangenen bis zu den gesellschaftlichen Umbrüchen der Nachkriegszeit mit dem Aufstieg der US-Garnison bis heute. Originalobjekte, Fotografien und multimediale Elemente machen vergangene Lebenswelten greifbar und zeigen, wie sich politische und gesellschaftliche Veränderungen konkret auf die Region ausgewirkt haben.
Untergebracht ist das Museum in einem ehemaligen Gasthaus mit bewegter Vergangenheit, ergänzt durch einen markanten Neubau aus Sichtbeton, der behutsam Alt und Neu verbindet.

Der „Goldene Engel“ ist mehr als ein Museumsgebäude. Anfang des 20. Jahrhunderts als Gasthaus errichtet, prägte er Jahrzehnte das Stadtbild. Soldaten, Reisende und Nachtschwärmer gingen hier ein und aus. Internationale Aufmerksamkeit erhielt das Gebäude Ende der 1950er-Jahre, als der „Magnum“-Fotograf René Burri es für seinen Fotobuch-Klassiker „Die Deutschen“ fotografierte.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs diente das ehemalige Gasthaus als Unterkunft für in Baumholder stationierte Soldaten und wurde später auch einige Zeit von der US-Armee und von den französischen Streitkräften als Hauptquartier genutzt. Überregionale Bekanntheit erlangte der „Goldene Engel“ zuletzt als Nachtlokal und Diskothek: Der Varieté Papa-Club mit Show-Programm für die US-Soldaten etwa trug der Region die Bezeichnung „moralisches Notstandsgebiet“ ein.
Um die Jahrtausendwende erwarb die Stadt Baumholder das Gebäude und entwickelte es zu einem Kultur- und Begegnungsort mit Museum und Bibliothek weiter.

Der monolithische Museumsneubau tritt zurückhaltend neben die historischen Fassaden. Er ergänzt den historischen Bestand, ohne ihn zu dominieren. So entstand ein Ensemble, das Geschichte sichtbar macht und zugleich zeitgemäße Museumsarbeit ermöglicht.
Große, gezielt gesetzte Fenster öffnen den Blick zwischen Innen- und Außenraum. Ein offenes Treppenhaus verbindet alle Ebenen. Sichtbeton, Weiß- und Grautöne lenken den Fokus auf die Objekte und schaffen eine klare, ruhige Atmosphäre. Unterschiedliche Raumhöhen, Lufträume und Galerien erzeugen abwechslungsreiche Perspektiven. Die Verbindung von Architektur, Gebäude und Ausstellung macht Geschichte räumlich erfahrbar – und lädt Besucherinnen und Besucher ein, Baumholder neu zu entdecken.
Im Erdgeschoss befinden sich neben dem Museumsshop die Touristinformation sowie Räume für Wechselausstellungen und Veranstaltungen. Die Stadtbibliothek und ein Seminarraum im ersten Obergeschoss ergänzen das Angebot. Das Kulturzentrum ist damit nicht nur Ausstellungsort, sondern ein lebendiger Treffpunkt mitten in der Stadt.

Der Truppenübungsplatz in Baumholder hat eine lange militärische Tradition: Archäologische Funde zeigen, dass bereits römische Legionen des Kaisers Augustus auf dem kargen, steinigen Boden des Westrich-Höhengebiets Manöver durchführten. In seiner heutigen Gestalt ist er allerdings eng mit der NS-Zeit verknüpft: Nach der Besetzung der linksrheinischen Gebiete durch die Wehrmacht 1936 fiel die Entscheidung, nordöstlich von Baumholder einen militärischen Übungsplatz anzulegen. 1938 nahm der Truppenübungsplatz seinen Betrieb auf. Für seine Errichtung mussten fast 4.000 Menschen aus 14 Dörfern und 14 Einzelgehöften umgesiedelt werden; 764 Haushalte mit 698 Wohnhäusern wurden aufgelöst.
Die Ausstellung im Regionalmuseum vermittelt die Auswirkungen der militärischen Nutzung auf den Alltag der Menschen vor Ort. Dokumente, Fotos und Alltagsgegenstände machen sichtbar, wie sich das Leben in den Dörfern, die Landwirtschaft und die lokale Kultur veränderten. Besonders berücksichtigt wird das Schicksal von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, deren Geschichte hier ausführlich dargestellt wird.

Ein zentraler Schwerpunkt der Dauerausstellung liegt auf den 1950er- und 1960er-Jahren, als die Stationierung von über 20.000 US-Soldaten Baumholder und seine Umgebung grundlegend veränderte. Aus einer landwirtschaftlich geprägten Region mit zahlreichen Kleinbauern entwickelte sich eine international geprägte Garnisonsstadt. Die US-Präsenz brachte neue Arbeitsplätze, erweiterte Infrastruktur und Konsumgüter, die zuvor kaum zugänglich waren. Schulen, Geschäfte, medizinische Einrichtungen und Wohnungen für Zehntausende amerikanischer Soldaten entstanden und prägten das Stadtbild nachhaltig – zeitweise lebten hier fünfmal mehr Amerikaner als Einheimische.
Die Ausstellung vermittelt diese Veränderungen anschaulich über Alltagsgegenstände, Fotografien und Tonbeispiele. Von Chewing Gum über Coca-Cola bis zum Petticoat – die Exponate machen das Lebensgefühl der Zeit erlebbar und zeigen, wie eng die amerikanische und die lokale Kultur im Stadtalltag verflochten waren.

Mit den Veränderungen der internationalen Lage – dem Fall der Berliner Mauer, der Neuausrichtung der US-Verteidigungspolitik und den Anschlägen vom 11. September 2001 – veränderte sich auch die US-Garnison in Baumholder. Kampftruppen wurden abgezogen, die Militärbasis verkleinert und stärker abgeschottet. Heute befinden sich auf dem Garnissonsgelände nur noch Versorgungseinheiten, doch die Spuren der US-Präsenz im Stadtbild und in der regionalen Kultur sind weiterhin sichtbar.
Der 11.800 Hektar große Übungsplatz steht inzwischen unter Leitung der Bundeswehr und ist der einzige Standort in Deutschland, an dem taktische Luft-Boden-Einsätze mit Übungs- und Gefechtsmunition aus mittleren und großen Höhen möglich sind. Im Zuge der Konversionsbemühungen sollen zudem verstärkt Gewerbe- und Industriebetriebe angesiedelt werden.
Die Ausstellung im Goldenen Engel macht diese langjährige Verbindung von militärischer Nutzung und regionaler Entwicklung anschaulich und zeigt, wie stark politische Entscheidungen das Leben in Baumholder konkret beeinflusst haben. Das Regionalmuseum ist dabei kein klassisches Heimatmuseum: Hier können Museumsgäste regionale Geschichte im Kontext weltpolitischer Ereignisse, internationaler Beziehungen und historischer Umbrüche entdecken.
Regionalmuseum im „Goldenen Engel“, Baumholder
Hauptstraße 15
55774 Baumholder
Telefon: 06783 7043950
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Öffnungszeiten:
Dienstag und Donnerstag
10:00 bis 12:00 Uhr
Mittwoch
17:00 bis 19:00 Uhr
Jeden ersten und dritten Sonntag im Monat
14:00 bis 17:00 Uhr
Eintritt:
Erwachsene: 3,00 € | Ermäßigt: 2,00 € | Kinder: 1,00 € | Schüler/innen: 1,00 €
Barrierefreiheit:
Das Museum verfügt über einen Fahrstuhl zu allen Etagen. Um barrierefrei in das Gebäude zu kommen, kann der Schrägaufzug an der Treppe vom Parkplatz hinter dem Gebäude benutzt werden. Parkmöglichkeiten befinden sich hinter dem Gebäude Goldener Engel.
Die Auszeichnung „Museum des Monats“ ist mit 1.000 Euro dotiert und wird seit August 2022 vom Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration Rheinland-Pfalz ausgelobt. Sie hat zum Ziel, die Museumsarbeit vor allem kleiner und mittelgroßer Museen landesweit in den Fokus rücken. Ausgezeichnet werden Museen, die sich mit gelungenen Ausstellungsprojekten zur Orts-, Regional- oder Landesgeschichte, mit innovativen Vermittlungsideen, interessanten digitalen Angeboten, erfolgreichen Partizipationsprojekten, gelungenen Maßnahmen zur Umsetzung der Barrierefreiheit, außergewöhnlichem gesellschaftlichem Engagement, beispielhaften Projekten zum Sammlungserhalt oder zur Sammlungserschließung oder bemerkenswerten Projekten generationenübergreifenden bürgerschaftlichen Engagements hervortun. Unterstützt wird das Kulturministerium bei der Auswahl der Auszeichnungen vom Museumsverband Rheinland-Pfalz. Alle ausgezeichneten Museen im Überblick gibt es auf der Webseite des Museumsverbands Rheinland-Pfalz:
Museumsverband Rheinland-Pfalz | Museum des Monats
