
Das Tagebuch der Anne Frank gehört zu den bekanntesten Zeugnissen der Judenverfolgung im 20. Jahrhundert. Weniger bekannt ist, dass die Geschichte ihrer Familie auch in der Pfalz verortet ist – in einem Haus in der Landauer Kaufhausgasse.
Das Frank-Loebsche Haus, benannt nach der jüdischen Familie Frank-Loeb, war im 19. Jahrhundert im Besitz von Zacharias Frank, dem Urgroßvater Anne Franks. Heute ist es ein Ort der historischen Auseinandersetzung: mit der Geschichte der Juden in Landau, mit der Verfolgung im Nationalsozialismus und mit der Frage, wie Erinnerung lokal verankert werden kann. Seine Nutzung als sogenanntes „Judenhaus“ während der NS-Zeit macht das Gebäude selbst zu einem historischen Zeugnis.
Zugleich ist das Haus der Begegnung, Kommunikation und Verständigung gewidmet. Neben den Dauerausstellungen zur jüdischen Geschichte Landaus und zur Geschichte der Sinti und Roma werden wechselnde Ausstellungen regionaler Kunst und Kulturgeschichte gezeigt. Lesungen, Vorträge und Konzerte ergänzen das Programm.
Die Auszeichnung als „Museum des Monats“ durch das Land Rheinland-Pfalz hebt genau diese Verbindung hervor: ein historischer Ort, der nicht nur bewahrt, sondern aktiv zur Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte, Ausgrenzung und gesellschaftlicher Verantwortung beiträgt – und damit über die lokale Perspektive hinaus wirkt.

Die Baugeschichte des Hauses liegt weitgehend im Unklaren; seine ältesten Teile dürften zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert entstanden sein. Über Jahrhunderte wurde es unterschiedlich genutzt: als Wohnhaus, als Gasthaus „Zur Blum“, zeitweise auch als Poststation.
Der heutige Name geht auf die jüdische Familie Frank-Loeb zurück, die das Gebäude 1870 erwarb. Sie gehörte zu einer Generation jüdischer Bürgerinnen und Bürger, die im 19. Jahrhundert von rechtlicher Gleichstellung und gesellschaftlicher Öffnung profitierte und zugleich die wirtschaftliche und städtische Entwicklung Landaus mitprägte.
Diese Entwicklung endet abrupt nach 1933. Während der nationalsozialistischen Verfolgung wird das Haus enteignet und als sogenanntes „Judenhaus“ genutzt – als Zwangsunterkunft für jüdische Bürgerinnen und Bürger, die aus ihren Wohnungen verdrängt wurden. Das Gebäude wird damit selbst Teil der lokalen Verfolgungsstruktur.
Nach 1945 bleibt das Haus zunächst in privater Nutzung. Erst mit dem Ankauf durch die Stadt Landau im Jahr 1987 beginnt seine bewusste Umwidmung zu einem Ort der historischen Auseinandersetzung.

Die Dauerausstellung zur Geschichte der Juden in Landau ist geprägt von einer grundlegenden Schwierigkeit: der fragmentarischen Quellenlage. Viele Zeugnisse jüdischen Lebens sind verloren – zerstört durch Verfolgung, Vertreibung und Mord. Die Ausstellung reagiert darauf, indem sie ihre eigene Perspektive offenlegt: Sie versteht sich als Annäherung.
Der erste Ausstellungsbereich zeichnet die Entwicklung vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert nach – von rechtlicher Einschränkung und Schutzverhältnissen hin zur staatsbürgerlichen Gleichstellung. Diese rechtliche Emanzipation geht einher mit einer Phase intensiver gesellschaftlicher Teilhabe: jüdische Familien prägen Handel, Stadtentwicklung und öffentliches Leben.
Im Synagogenraum rückt die religiöse Praxis in den Mittelpunkt. Um 1900 gehörten rund acht Prozent der Landauer Bevölkerung der jüdischen Gemeinde an – ein Anteil, der die Bedeutung jüdischen Lebens für das städtische Gefüge verdeutlicht. Der Raum verweist zugleich auf ein Gemeindeleben, das heute in Landau nicht mehr existiert.

Der dritte Teil widmet sich der Zeit des Nationalsozialismus. Hier stehen exemplarische Biografien im Zentrum. Sie dokumentieren, Ausgrenzung, Verfolgung, Deportation und Ermordung der Landauer Juden und machen sichtbar, wie schnell Nachbarschaft in Gleichgültigkeit oder Mitläufertum umschlagen konnte. Die Ausstellung benennt politisch Verantwortliche und fragt zugleich nach den Handlungsspielräumen der lokalen Gesellschaft.
Mit dem Jahr 1945 endet die jahrhundertelange Geschichte jüdischen Lebens in Landau nahezu vollständig. Nur wenige Überlebende kehren zurück.

Die zweite Dauerausstellung erweitert die Perspektive. Sie widmet sich der Geschichte der Sinti und Roma, die seit Jahrhunderten Teil der deutschen Gesellschaft sind und dennoch systematisch ausgegrenzt wurden.
Ein Schwerpunkt liegt auf der nationalsozialistischen Verfolgung, die im Völkermord an rund 500.000 Menschen gipfelte. Anders als bei vielen anderen Opfergruppen wurde dieses Verbrechen nach 1945 lange nicht anerkannt. Die Ausstellung greift diese Leerstelle auf. Sie verbindet historische Dokumentation mit der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung seit den 1970er-Jahren und stellt die Frage nach Kontinuitäten von Diskriminierung bis in die Gegenwart.

Das Frank-Loebsche Haus ist kein Museum im klassischen Sinn, sondern ein offenes Haus, das Ausstellung, Forschung und öffentliche Debatte miteinander verbindet. Neben den Dauerausstellungen prägen wechselnde Präsentationen regionaler Kunst und Kulturgeschichte das Programm; Lesungen, Vorträge und Konzerte bringen unterschiedliche Perspektiven zusammen.
Eine künstlerische Ebene ergänzt die Dauerausstellung: Acht Bronzeskulpturen des Bildhauers Wolf Spitzer sind als Dauerleihgabe in die Ausstellung integriert. Unter dem Titel „Hommage an das Judentum“ greifen sie zentrale Themen auf und stehen in bewusstem Gegenüber zu den historischen Ausstellungsstücken – sie kommentieren, verdichten und verschärfen die inhaltlichen Aussagen.
Mit dem Frank-Loeb-Institut und dem Institut für Politikwissenschaft der Universität Koblenz-Landau sowie der Friedensakademie Rheinland-Pfalz sind zugleich Institutionen im Gebäude verankert, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen befassen – von Demokratie über Krisenprävention bis hin zu gesellschaftlichem Zusammenhalt. So wird das historische Gebäude zu einem Denkraum, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander ins Gespräch bringt. Die Mehrfachnutzung des Hauses ist Teil des Konzepts. Sie knüpft an seine Geschichte an und führt sie in die Gegenwart fort.

Das Frank-Loebsche Haus ist kein Museum, das Distanz schafft. Es richtet den Blick auf Brüche, auf Verluste und auf das, was nicht mehr sichtbar ist – und macht damit die Voraussetzungen von Verfolgung und Ausgrenzung nachvollziehbar. Gerade darin liegt seine Bedeutung. Es erzählt nicht nur, was war, sondern stellt die Frage, was daraus folgt.
Die Auszeichnung als „Museum des Monats“ würdigt einen Ort, der Geschichte nicht vereinfacht, sondern als komplex und bis in die Gegenwart hinein wirksam begreift – leise, eindringlich und von anhaltender Aktualität.
Frank-Loebsches Haus Landau
Kaufhausgasse 9
76829 Landau in der Pfalz
Telefon: 06341 138 301
Zur Webseite
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Donnerstag: 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr
Freitag bis Sonntag: 11 bis 13 Uhr
Montags und feiertags geschlossen
Eintritt:
Der Eintritt ist frei!
Die Auszeichnung „Museum des Monats“ ist mit 1.000 Euro dotiert und wird seit August 2022 vom Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration Rheinland-Pfalz ausgelobt. Sie hat zum Ziel, die Museumsarbeit vor allem kleiner und mittelgroßer Museen landesweit in den Fokus rücken. Ausgezeichnet werden Museen, die sich mit gelungenen Ausstellungsprojekten zur Orts-, Regional- oder Landesgeschichte, mit innovativen Vermittlungsideen, interessanten digitalen Angeboten, erfolgreichen Partizipationsprojekten, gelungenen Maßnahmen zur Umsetzung der Barrierefreiheit, außergewöhnlichem gesellschaftlichem Engagement, beispielhaften Projekten zum Sammlungserhalt oder zur Sammlungserschließung oder bemerkenswerten Projekten generationenübergreifenden bürgerschaftlichen Engagements hervortun. Unterstützt wird das Kulturministerium bei der Auswahl der Auszeichnungen vom Museumsverband Rheinland-Pfalz. Alle ausgezeichneten Museen im Überblick gibt es auf der Webseite des Museumsverbands Rheinland-Pfalz:
Museumsverband Rheinland-Pfalz | Museum des Monats
