23.9.2021–28.11.2021
Anleitung zum Selbstversuch
Baedekers erste Rheinreise als künstlerischer Exkurs
Ludwig Museum im Deutschherrenhaus

Stefan Kaluza und Ingo Bracke setzen sich im Ludwig Museum Koblenz mit Karl Baedeker und der Erfindung der Rheinromantik auseinander!

Karl Baedeker (1801-1859) eröffnete am 1. Juli 1827 in Koblenz eine Verlagsbuchhandlung und übernahm hier 1832 den Verlag von Franz Friedrich Röhling. Dieser hatte 1828 einen ersten Rheinreiseführer publiziert, der von dem Neuwieder Historiker Johann August Klein verfasst worden war und den anschaulichen Titel ,,Rheinreise von Mainz bis Cöln, Handbuch für Schnellreisende” hatte. Er war mit aufwändigen Stahlstichen illustriert und bildete gleichsam den Anfang eines neuen Genres.

Das Interesse an einem diese Strecke erläuternden Buch war von Anfang an sehr groß, zumal bereits 1827 der regelmäßige Schifffahrtsverkehr zwischen Köln und Mainz mit der Preußisch-Rheinischen Dampfschifffahrtsgesellschaft aufgenommen worden war. Röhlings Verlagshaus lag nur einen Steinwurf von der Anlegestelle entfernt. Als Baedecker bereits ein Jahr später den Verlag übernahm, erweiterte dieser die Publikation 1832 zunächst um eine den Rheinlauf vorstellende Landkarte. Deutlich überarbeitet publizierte er die Reisebeschreibung 1935 erneut, indem er die »Rheinreise« um die Strecken nach Basel bzw.Rotterdam ausdehnte. Diese bildete den Grundstein für Baedeckers viel zähligen Publikationen zum Thema des individuellen Reisens und Bildens, indem er von nun an immer neue touristisch erschlossene Routen und Ziele vorstellte.

Karl Baedeker hat im Grunde den modernen Tourismus erfunden und ist berühmt für seine detail verliebten Beschreibungen von gezielt ausgearbeiteten Reiserouten, die bei einer gebildeten Leserschicht zunehmend gefragt waren und das individuelle Reisen beflügelten. Die eigene Entdeckung von Landschaften, ihrer besonderen Reize und historischen Details verbanden sich zu einer neuen, bis dato unbekannten Symbiose, in der die romantische Literatur zeitgleich mit aufging. Die Landschaft längs der Rheintals erhielt durch die neuen Möglichkeiten der industriellen Mobilität (Schifffahrt; Eisenbahnfahrt) einen ungeahnten Schub und veränderte die Wahrnehmung der Landschaft. Zugleich festigten Dichter und Maler (vor allem die englischen Landschaftsmaler) den Topos,, Rheinlandschaft“ durch ihre Beschreibungen, poetischen Dichtungen und malerischen Skizzen sowie Panoramen.

Mit zwölf lithographierten Ansichten beachtenswerter Burgen, historischer Kirchen und Schlösser etc. illustriert, entsprach die Publikation dem damaligen Kunst- und Bildungs geschmack, indem sie illustrierend zur Beschreibung die markantesten Merkmale und Charakteristiken bildhaft bot. Die „Rheinreise“ steht ganz im Kontext der gerade erst aufgekommenen Rheinromantik, mit der Entdeckung von Burgen, Schlössern und Altertümern längs des Rheins – wie sie bereits die Gebrüder Schlegel und einige romantische Dichter (z.B. Heine, Brentano) als besonderes Sujet ihrer Ideengeschichte entwickelt hatten.

Baedeckers erster Rheinreiseführer „Rheinreise von Mainz bis Cöln, Handbuch für Schnellreisende”, historisch, topographisch, malerisch bearbeitet durch den Historiker Prof. Johann August Klein (1778–1831), soll Grundlage des aktuellen Kunstprojektes werden.

Die beiden Künstler, Stefan Kaluza und Ingo Bracke, haben sich bereits zuvor intensiv mit dem Rhein als Sujet ihrer künstlerischen Werke auseinandergesetzt. Stefan Kaluza, indem er den gesamten Rheinverlauf mit 21.000 Fotos dokumentiert hat (Rheinprojekt, 2007) und Ingo Bracke, indem er sich u.a. mit dem Motiv des Loreley-Felsens befasst hat und diesen mit einer aufwändigen Lichtinstallation illuminiert hatte (Loreley-Tetralogie, 2008-2009).

Beide Künstler greifen in ihren Werken unterschiedliche Momente auf, die bereits in Baedeckers früher Publikation – am Beginn eines großen Reisebooms – eine Rolle spielen: Anschaulichkeit der Landschaft (epische Dauer, scheinbarer Gleichfluss) im Kontrast zu Vergänglichkeit und Schnelllebigkeit durch die Art des Reisens an sich. Für das Vorhabenentwickeln die beiden Künstler mit ihren Arbeiten eine neue Raumkonzeption, in der das Eine in das Andere merklich übergeht.

Stefan Kaluza wird den Prozess der Entstehung veranschaulichen und die Fotos aus dem Strecken abschnitten Mainz – Koblenz als Arbeitsmaterialien ausbreiten. An bestimmten Punkten sollen Hörstationen mit Texten von und zum Rheinprojekt hörbar werden.

Ingo Bracke befasst sich mit der Idee der Dioramen, die gerade im aufkommenden 19.Jahrhundert eine enorme Rolle in Bezug auf das Erlebnis Landschaft gespielt haben. In seinem eigens geschaffenen Diorama wird er seinen eigenen Reisefilm erlebbar machen, den er während seiner Zugreise von Mainz bis Koblenz aufgenommen hat. Zufälliges, Bildstörungen, aber auch längere Passagen des Landschaftlichen, Geräusche im Zug ebenso wie das leise Rattern der Zug Räder vermischen sich zu einem eigenen Klangraum, den er mitklängen der ,,Loreley-Oper” von Alfredo Catelani (1890 uraufgeführt) füllt.

Erlebbar werden so Fotodokumentation und künstlerischer Blick auf den Rhein, ebenso wie zeitgenössische Momente des Reisens im Industriezeitalter, vermischt mit Motiven der Legenden und des individuellen Erlebens.